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Wer auffährt, hat Schuld. Oder doch nicht?

 
Bei vielen Autofahrern haben sich Denkweisen festgesetzt, die jeden Fahrlehrer zur Verzweiflung bringen würden. Wir klären über 20 Rechtsirrtümer im Straßenverkehr auf.

1. Radfahrer dürfen entgegen einer Einbahnstraße fahren

Ausnahmsweise ja. Und zwar dann, wenn das rote Einfahrtsverbotsschild ein Zusatzschild, wie abgebildet, hat. Hier dürfen Radler entgegen der Fahrtrichtung fahren. Autofahrer erkennen, dass ihnen ein Radler entgegenkommen kann, am blau-weißen Schild „Einbahnstraße“ mit dem Zusatzzeichen Rad plus zwei Pfeilen. Manchmal wird diese Regelung auch noch durch Fahrbahnmarkierungen hervorgehoben.
Radfahrer, die in verkehrter Richtung in Einbahnstraßen fahren, obwohl das nicht explizit freigegeben ist, müssen mit 20 € Strafe rechnen.

2. Nach einem Parkrempler genügt ein Zettel an der Windschutzscheibe

Stimmt nicht. Wer ein parkendes Fahrzeug anfährt, ist verpflichtet, den Geschädigten zu informieren, damit der seine Ansprüche geltend machen kann. Der Zettel mit der Adresse unter dem Scheibenwischer genügt nicht, weil er verloren gehen kann. Nach einem Parkrempler heißt es warten oder die Polizei informieren. Die wird entweder kommen und den Fall aufnehmen oder dich auf das nächste Polizeirevier bitten.
Wer sich nicht daran hält, begeht Unfallflucht. Das ist eine Straftat, die auch zum Verlust des Versicherungsschutzes führen kann

3. Wer auffährt hat immer Schuld

Nicht unbedingt. Manchmal kann der Auffahrende einen Unfall gar nicht vermeiden, zum Beispiel wenn er von einem überholen den Auto vielleicht sogar absichtlich ausgebremst wird oder der Vordermann an einer roten Ampel rückwärts fährt. Was das Ganze schwer macht: Du mußt den ungewöhnlichen Unfallhergang beweisen – am besten durch Zeugen, die deine Version stützen können.

4. Bei Stau darf ich über den Pannenstreifen bis zur nächsten Ausfahrt fahren

Nein. Der Seitenstreifen ist Pannenfahrzeugen vorbehalten. Wer ihn zum schnelleren Vorankommen bei einem Stau nutzt, muss mit 75 € Bußgeld und zwei Punkten in Flensburg rechnen. Nur wenn die Spur explizit freigegeben wird, durch Polizeibeamte oder das -Zeichen 223.1 (Seitenstreifen befahren), gilt das nicht.

5. Betrunken Rad fahren hat keine Folgen

Stimmt nicht. Wer mit 1,6 Promille auf dem Fahrrad erwischt wird, begeht nicht nur eine Straftat. Mit diesem Wert muss er auch zusätzlich zu einer Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU). Und wer dort durchfällt, verliert seine Autofahr-Erlaubnis.

6. Auf Autobahnen muss ich mindestens 60 km/h fahren

Falsch. Autobahnen dürfen nur Fahrzeuge benutzen, die bauartbedingt schneller als 60 km/h fahren können. Wie schnell er unterwegs sein möchte, entscheidet jeder Fahrer nach Wetter und Verkehr selbst. Die Grenze liegt dort, wo andere durch langsames Fahren mutwillig behindert werden.

7. Unfall: Die Polizei klärt die Schuldfrage

Stimmt nicht. Die Polizei klärt bei einem Unfall lediglich, wer welche Verkehrsverstöße begangen hat, zum Beipiel an einem Stoppschild oder einer roten Ampel vorbeigefahren ist. Bei kleineren Sachschäden helfen die Beamten nur beim Austausch der Personalien. Unfälle mit Personenschaden müssen dagegen umfassend dokumentiert werden. Wer in welchem Umfang haftet, klärt die Versicherung bzw. ein Gericht. Dazu sollten alle Unfallbeteiligten den Hergang im eigenen Interesse möglichst gut mit Skizzen, Bildern und Zeugenaussagen belegen.

8. Radfahrer müssen auf dem Radweg fahren, wenn einer vorhanden ist

Nein. Radfahrer dürfen grundsätzlich zwischen Radweg und Fahrbahn wählen. Nur dort, wo entsprechende blaue Schilder mit Fahrrad (Zeichen 237, 240 und 241) aufgestellt sind, muss – wegen besonderer Gefahren – der Radweg benutzt werden. Wann eine Radwegbenutzung angeordnet werden kann, hat das Bundesverwaltungsgericht entschieden (BVerwG, Az. 3 C 42.09)

9. Die Rettungsgasse wird gebildet, wenn Einsatzkräfte von hinten kommen

Stimmt nicht. Die Rettungsgasse muss schon gebildet werden, wenn der Verkehr stockt. Die Autos auf der linken Spur fahren ganz links, Fahrzeuge auf der rechten nach rechts. Bei dreispurigen Autobahnen wird die Gasse zwischen linker und mittlerer Spur gebildet (Foto). Der Pannenstreifen bleibt frei.

10. Haltestelle: Busse mit Warnblinker darf ich nicht überholen

Stimmt nicht. Nur wenn ein Bus mit eingeschalteter Warnblinkanlage an eine Haltestelle heranfährt, gilt für den nachfolgenden Verkehr Überholverbot. Sobald er steht, darf man vorbeifahren – mit Schrittgeschwindigkeit. Das bedeutet ca. 7 km/h. Diese Geschwindigkeit gilt bei einem Bus mit eingeschaltetem Warnblinker auch für den Gegenverkehr.

11. Bei schlechter Sicht müssen Autofahrer die Nebelschlussleuchte einschalten

Das stimmt so nicht. Leider ist vielen Autofahrern nicht klar, dass es für das Einschalten der Nebelschlussleuchte klare Vorgaben gibt: Sie darf nicht bei leichtem Nebel aktiviert werden, sondern erst, wenn die Sichtweite unter 50 Metern liegt. Das ist genau die Entfernung, die zwei Leitpfosten auf der Autobahn voneinander haben. Bei so schlechter Sicht ist es auch verboten, schneller als 50 km/h zu fahren. Übrigens: Eine Pflicht, die Nebelschlussleuchte unter den genannten Voraussetzungen anzuschalten, gibt es nicht. Der Autofahrer darf das selbst entscheiden.
Wer ohne Not bei guten Sichtverhältnissen die Nebelschlussleuchte einschaltet, muss mit 20 € Geldbuße rechnen, da andere Autofahrer durch das starke Licht extrem geblendet werden

12. Beim Reißverschlussverfahren müssen Autofahrer so früh wie möglich die Spur wechseln

Irrtum. Bei einer Fahrbahnverengung von zwei Spuren auf eine ordnen sich die Fahrzeuge abwechselnd hintereinander auf der weiterführenden Spur ein (Reißverschlussverfahren). Das Einfädeln erfolgt erst unmittelbar vor der Engstelle. Die Fahrer auf der wegfallenden Spur müssen wirklich bis ganz nach vorn fahren. Grund ist eine optimale Ausnutzung der Fläche, Rückstaus werden sonst noch länger.
Bei Unfällen sprechen Gerichte meist eine Teilschuld zu. Denn: Wer sich reindrängelt, verletzt seine Sorgfaltspflicht mindestens genauso, wie derjenige, der bewusst niemanden reinlässt

13. Ich darf die Hauptuntersuchung bis zu zwei Monate überziehen

Nicht unbedingt. Auch wenn die Überziehung der Hauptuntersuchung bei Pkw und Motorrädern in der Praxis erst nach zwei Monaten geahndet wird, zählt die Frist auf der HU-Plakette. Für Lkw und Busse gilt dieser Stichtag ohne Kulanz.
Die HU-Überziehung kostet für Pkw und Motorräder 15 € bei mehr als zwei bis vier Monaten, 25 € bei mehr als vier bis acht

14. Querparken mit dem Smart ist erlaubt

Die meisten Gerichte sehen das anders. Laut § 12 Abs. 4 Straßenverkehrsordnung muss beim Einparken an den rechten Fahrbahnrand herangefahren werden – und zwar parallel zur Straße. Das gilt auch für den kurzen Smart.

15. Kleinkinder müssen immer auf dem Radweg fahren

Nein. Kinder müssen bis zum vollendeten achten Lebensjahr auf dem Gehweg radeln. Bis sie zehn Jahre alt sind, können sie sich frei zwischen Rad- und Fußweg entscheiden. Erst ab dann sind – je nach Beschilderung – Radweg oder Fahrbahn vorgeschrieben. Eltern, die ihre Kinder begleiten, dürfen hingegen nie auf dem Gehweg fahren. Tipp: Erste Erfahrungen mit dem Rad sollten Kinder zusammen mit Erwachsenen immer außerhalb des Straßenverkehrs machen.

16. Mit Flip-Flops oder barfuß Auto fahren ist grundsätzlich verboten

Nicht unbedingt. Du darfst grundsätzlich sowohl mit Flip-Flops, barfuß, mit hohen Stöckelschuhen oder jetzt im Winter sogar mit Schneestiefeln Auto fahren. Die Straßenverkehrsordnung verbietet das nicht ausdrücklich. Passiert allerdings ein Unfall, der auf das unpassende Schuhwerk zurückzuführen ist, droht Ärger mit der Versicherung.

17. Folgt man einer abknickenden Vorfahrt, muss man nicht blinken

Stimmt nicht. Die Verkehrsteilnehmer folgen in diesem Fall zwar der Vorfahrtsstraße, biegen aber gleichzeitig ab. Und ein Abbiegevorgang muss immer mit dem Blinker angezeigt werden. Fahrzeuge, die auf einer Kreuzung mit abknickender Vorfahrt geradeaus fahren, dürfen dagegen nicht blinken.

18. Die Lichthupe einsetzen bedeutet Nötigung

Nicht unbedingt. Die Lichthupe darf kurz betätigt werden, wenn man außerhalb geschlossener Ortschaften die Überholabsicht anzeigt oder andere Verkehrsteilnehmer vor einer Gefahr warnt. Aber aufgepasst: Wer mit Lichthupe zu dicht auffährt, begeht eine Nötigung.

19. Rechts darf nie überholt werden

Stimmt nicht. Innerorts dürfen Kfz bis 3,5 t auf mehrspurigen Straßen im Rahmen der erlaubten Geschwindigkeit auf der rechten Spur schneller fahren. Auch bei einem Stau auf der Autobahn oder bei zäh fließendem Verkehr dürfen Sie rechts flotter fahren als links.

20. Bei defekter Parkuhr darf ich unbegrenzt parken

Stimmt nicht. Wenn die Parkuhr oder der Parkscheinautomat defekt ist, darf man zwar kostenlos, aber nicht unbegrenzt parken. Voraussetzung ist, dass du eine Parkscheibe mit deiner Ankunftszeit ins Auto legst und dich an die angegebene Höchstparkdauer hältst.